In Österreich stürzen jedes Jahr zwischen 800.000 und einer Million Menschen über 65. Jeder dritte Senior über 65 stürzt mindestens einmal pro Jahr, bei den über 80-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Rund 335.000 Senioren mussten 2024 nach einem Sturz im Krankenhaus behandelt werden. 2.367 Seniorinnen und Senioren starben 2023 an den Folgen eines Unfalls, ein Anstieg von 35% innerhalb von zehn Jahren. Die meisten dieser Unfälle wären vermeidbar gewesen.

Warum Stürze im Alter so gefährlich sind

Ein Sturz, der mit 30 eine Bagatelle ist, kann mit 80 lebensverändernde Folgen haben. 20% der Stürze führen zu schweren Verletzungen. Hüftfrakturen sind besonders kritisch: 20 bis 30% der Betroffenen sterben innerhalb eines Jahres, 60% erlangen nie wieder ihre vorherige Mobilität, und fast jeder Fünfte wird dauerhaft pflegebedürftig.

Dazu kommt ein Teufelskreis, den Fachleute als Sturzangst-Zyklus kennen: Nach einem Sturz entwickeln rund 50% der Betroffenen Angst vor dem nächsten Sturz. Sie bewegen sich weniger, die Muskeln bauen ab, das Gleichgewicht verschlechtert sich, und das Sturzrisiko steigt weiter. Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist eines der wichtigsten Ziele der Sturzprävention.

Was erhöht das Sturzrisiko?

Die Ursachen für Stürze lassen sich in zwei Gruppen einteilen: persönliche Faktoren und Umgebungsfaktoren.

Persönliche Risikofaktoren sind Muskelschwäche (besonders in den Beinen), Gleichgewichtsstörungen, Sehbeeinträchtigungen, Herzrhythmusstörungen und Blutdruckprobleme, Demenz und kognitive Einschränkungen, Inkontinenz (die Eile zur Toilette erhöht das Risiko), Medikamentennebenwirkungen (Beruhigungsmittel, Blutdrucksenker und Antidepressiva sind die häufigsten Verursacher) und Vitamin-D-Mangel. Der stärkste einzelne Risikofaktor ist ein früherer Sturz.

Umgebungsfaktoren sind rutschige Teppiche und lose Kabel, schlechte Beleuchtung (besonders nachts), Treppen ohne Handläufe, ungeeignetes Schuhwerk mit glatten Sohlen, nasse Badezimmerböden, hohe Türschwellen und eine unübersichtliche Möbelanordnung.

Praktische Maßnahmen zu Hause

Im Badezimmer passieren die meisten Stürze. Haltegriffe bei Toilette, Badewanne und Dusche zu installieren ist die einfachste und wirksamste Einzelmaßnahme. Rutschfeste Matten, ein Duschhocker und eine Toilettensitzerhöhung machen das Bad deutlich sicherer. Wer die Möglichkeit hat, sollte die Badewanne durch eine ebenerdige Dusche ersetzen.

Bei der Beleuchtung helfen Nachtlichter mit Bewegungsmelder im Flur, Bad und Schlafzimmer. Der Weg vom Bett zur Toilette sollte nachts automatisch beleuchtet sein. Lichtschalter neben dem Bett verhindern, dass man im Dunkeln aufsteht. Treppenstufen sollten am Rand deutlich markiert sein.

Bei Böden und Wegen gilt: Lose Teppiche entfernen oder mit rutschfestem Material fixieren, Kabel und Stolperfallen beseitigen, freie Wege für den Rollator sicherstellen und Türschwellen möglichst abflachen.

In der Küche sollten häufig benutzte Gegenstände in greifbarer Höhe gelagert werden, damit niemand auf einen Stuhl steigen muss.

Übungen, die das Sturzrisiko senken

15 Minuten tägliches Kraft- und Gleichgewichtstraining kann das Sturzrisiko um 40% senken. Das belegen mehrere große Studien. Regelmäßiges Training ist die wirksamste Einzelmaßnahme zur Sturzprävention, wirksamer als jede bauliche Veränderung.

Knieheben im Stehen: Neben einem Stuhl stehen, an der Rückenlehne festhalten, abwechselnd die Knie zur Brust heben. 2 mal 10 Wiederholungen pro Bein.

Einbeinstand: An einer Stuhllehne festhalten, ein Bein anheben und 10 bis 30 Sekunden halten. Pro Seite 3 Wiederholungen.

Fersen- und Zehenstand: Abwechselnd auf Zehenspitzen und Fersen stellen. 2 mal 10 Wiederholungen.

Seitliches Beinheben: An einem Stuhl festhalten, ein Bein seitlich anheben und langsam absenken. 2 mal 10 pro Seite.

Tandem-Gang: Einen Fuß vor den anderen setzen, Ferse an Zehen, 10 Schritte vorwärts und rückwärts. Trainiert das Gleichgewicht intensiv.

In Österreich bietet das Programm "Trittsicher und mobil" der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) kostenlose Kurse für Sturzprävention an. Auch Tai Chi, Yoga für Senioren und Wassergymnastik haben sich als wirksam erwiesen.

Hilfsmittel, die schützen

Rollator: Stabile Gehhilfe mit zwei Händen, ideal bei beidseitiger Unsicherheit. Gehstock: Für einseitige Beschwerden. Wichtig: in der Hand auf der Gegenseite führen. Hüftprotektoren: Polster in spezieller Unterhose, die den Oberschenkelhals bei einem Sturz vor Fraktur schützen. Erhöhter Toilettensitz: Erleichtert das Aufstehen und reduziert das Sturzrisiko im Bad. Haltegriffe: An der Wand montiert bei Toilette, Dusche, Badewanne und Treppen. Notrufsystem mit Sturzerkennung: Erkennt Stürze automatisch und sendet einen Alarm. Anti-Rutsch-Socken: Für sicheren Halt auf glatten Böden zu Hause. Nachtlicht mit Bewegungsmelder: Automatische Beleuchtung für nächtliche Wege.

Weitere wichtige Maßnahmen

Sprechen Sie mit dem Arzt über sturzfördernde Medikamente. Beruhigungsmittel, Blutdrucksenker und Antidepressiva können das Sturzrisiko erheblich erhöhen. Oft lässt sich die Dosierung anpassen oder ein alternatives Medikament finden.

Lassen Sie Augen und Ohren regelmäßig testen. Eine neue Brille oder ein Hörgerät kann die Orientierung verbessern und Stürze verhindern.

Achten Sie auf geeignetes Schuhwerk: geschlossene Schuhe mit rutschfester Sohle, keine offenen Schlappen. Auch zu Hause.

Vitamin-D-Mangel ist bei Senioren häufig und erhöht das Sturzrisiko. Ein einfacher Bluttest beim Hausarzt bringt Klarheit.

Quellen

Dr. Martin Pühringer, Stürze im Alter: martinpuehringer.com/blog/stuerze-im-alter-sturzpraevention Sozialversicherung.at, Sturzprävention: sozialversicherung.at/cdscontent/?contentid=10007.844296 Sozialversicherung.at, Trittsicher und mobil: sozialversicherung.at/cdscontent/?contentid=10007.845039 Pressefeuer, Milliardenschwere Sturzfalle Österreich: pressefeuer.at/news/milliardenschwere-sturzfalle-oesterreichs-verfehlte-praevention-23697 Der Standard, Jeder Vierte über 65 durch Sturz verletzt: derstandard.at/story/2000022781566/jeder-vierte-ueber-65-jaehrige-durch-sturz-verletzt Wissen was wirkt, Sturzprävention durch Bewegung: wissenwaswirkt.org/sturzpraevention-durch-bewegung