Die Entscheidung, einen Menschen mit Demenz in ein Pflegeheim zu geben, gehört zu den emotionalsten, die eine Familie treffen kann. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist. Aber es gibt Anhaltspunkte, die helfen können, die Situation realistisch einzuschätzen. Und es gibt Einrichtungen, die auf genau diese Situation spezialisiert sind.
Wann wird die häusliche Pflege zu viel?
Demenz verläuft bei jedem Menschen anders, aber irgendwann kommt bei vielen Familien der Punkt, an dem die Pflege zu Hause nicht mehr tragbar ist. Diese Warnzeichen sprechen dafür, dass es Zeit ist, über Alternativen nachzudenken:
Die Person braucht rund um die Uhr Aufsicht. Nicht nur tagsüber, sondern auch nachts, weil sie aufsteht, umherirrt oder die Wohnung verlassen will.
Die Sicherheit ist gefährdet. Der Herd wird vergessen, Medikamente werden verwechselt, die Person verirrt sich unterwegs.
Die pflegenden Angehörigen sind erschöpft. Schlafmangel, soziale Isolation und körperliche Überlastung sind typische Zeichen von Caregiver Burnout. Wer selbst zusammenbricht, kann niemanden mehr pflegen.
Der Pflegebedarf übersteigt die eigenen Möglichkeiten. Heben, Waschen, Anziehen, Füttern, nächtliches Aufstehen: Das ist ein Vollzeit-Job, und zwar einer, der sieben Tage die Woche stattfindet.
Die Erkrankung schreitet fort. Wenn die Kommunikation kaum noch möglich ist, wenn Aggressionen auftreten oder wenn die Person ihre Angehörigen nicht mehr erkennt, stößt die häusliche Pflege an ihre Grenzen.
Rechtzeitig planen, nicht erst in der Krise
Der größte Fehler, den Familien machen, ist zu lange zu warten. Wenn die Entscheidung erst in einer akuten Krise fällt, bleibt keine Zeit, in Ruhe die richtige Einrichtung zu finden. Dann nimmt man, was gerade frei ist, und das ist nicht immer das Beste.
Deshalb: Frühzeitig verschiedene Einrichtungen besichtigen, sich über Wartezeiten informieren und eine Vorsorgevollmacht errichten lassen, solange die betroffene Person noch mitentscheiden kann. Wenn die Erkrankung schon zu weit fortgeschritten ist, muss eine Erwachsenenvertretung (früher Sachwalterschaft) beim Gericht beantragt werden.
Was spezialisierte Demenz-Stationen bieten
Nicht jedes Pflegeheim ist gleich gut für Menschen mit Demenz geeignet. Spezialisierte Demenz-Stationen oder Wohngruppen bieten Konzepte, die auf die besonderen Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Validation nach Naomi Feil ist ein empathischer Kommunikationsansatz, der die Gefühlswelt der Betroffenen ernst nimmt, statt sie zu korrigieren. In Österreich sind etwa die SeneCura-Einrichtungen in diesem Ansatz geschult. Das Sozialzentrum Grafenwörth wurde 2010 als erstes Heim in Österreich vom Validation Training Institute ausgezeichnet.
Das Maeutik-Pflegemodell, angewandt etwa von der Caritas Socialis in Wien, setzt auf einen erlebensorientierten Ansatz, der das Erleben und Fühlen der Bewohner in den Mittelpunkt stellt.
Zur Infrastruktur gehören sichere Rundwege und Gärten, in denen sich die Bewohner frei bewegen können, ohne das Gelände zu verlassen. Snoezelen-Räume bieten multisensorische Entspannung. Kreativ-, Musik- und Bewegungsräume fördern vorhandene Fähigkeiten.
Das Aktivitätenprogramm umfasst typischerweise Musik-, Tanz- und Kunsttherapie, tiergestützte Therapie, Biografiearbeit und Erinnerungspflege. All das wird von Personal betreut, das speziell in Demenzpflege geschult ist.
Alternativen zum Pflegeheim
Nicht immer muss es sofort ein Pflegeheim sein. Für leichte bis mittlere Demenz gibt es Zwischenstufen:
Tageszentren bieten Betreuung und Aktivitäten tagsüber. Die Person kehrt abends nach Hause zurück. Das entlastet Angehörige und bietet dem Betroffenen soziale Kontakte und Struktur.
24-Stunden-Betreuung zu Hause wird in Österreich mit bis zu 800 EUR pro Monat (selbstständige Betreuungskraft) oder 1.600 EUR pro Monat (angestellte Betreuungskraft) gefördert, ab Pflegegeld Stufe 3.
Betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit leichter Demenz sind eine kleinere, familienähnliche Alternative zum klassischen Pflegeheim.
Die emotionale Seite
Schuldgefühle sind normal. Fast alle Angehörigen kämpfen damit. "Ich habe versprochen, dass du nie ins Heim musst." "Ich sollte das schaffen." "Was werden die anderen denken?"
Diese Gedanken sind verständlich, aber sie helfen niemandem. Die Wahrheit ist: Ein Pflegeheim ist kein Versagen. Es ist eine Entscheidung für professionelle Pflege, für Sicherheit, und oft auch für eine bessere Beziehung. Viele Angehörige berichten, dass sich das Verhältnis zum Betroffenen verbessert hat, nachdem die Last der täglichen Pflege weggefallen ist. Statt Pflegezeit wird die gemeinsame Zeit zu Qualitätszeit.
Nutzen Sie Selbsthilfegruppen für Angehörige. Alzheimer Austria bietet Beratung und Vernetzung. Das Gespräch mit Menschen, die Ähnliches durchmachen, hilft mehr als jeder Ratgeber.
So bereiten Sie den Übergang vor
Wenn die Entscheidung gefallen ist, helfen folgende Schritte:
Binden Sie schrittweise andere Betreuungspersonen in den Alltag ein, damit die Umstellung nicht abrupt ist.
Nehmen Sie vertraute Gegenstände mit: Lieblingsdecke, Familienfotos, gewohnte Gerüche. Das hilft bei der Orientierung in der neuen Umgebung.
Kündigen Sie regelmäßige Besuche an und halten Sie sie ein. Verlässlichkeit gibt Sicherheit.
Bei früher Demenz können Sie gemeinsam Einrichtungen besichtigen und die betroffene Person in die Entscheidung einbeziehen.
Beginnen Sie mit einem Probeaufenthalt. Kurzzeitpflege bis zu 4 Wochen gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, die Situation zu erleben, bevor eine endgültige Entscheidung fällt.
Quellen
Demenzportal.at, Das Pflegeheim: demenz-portal.at/angehoerige/das-pflegeheim/ Demenzportal.at, Pflegeheim oder Betreuung zu Hause?: demenz-portal.at/aktuelles/pflegeheim-oder-betreuung-zu-hause/ Gesundheit.gv.at, Pflege bei Demenz: gesundheit.gv.at/krankheiten/gehirn-nerven/demenz/pflege.html Sozialministerium, Demenz: sozialministerium.gv.at/Themen/Pflege/Demenz.html Caritas Socialis, Alzheimer- und Demenzbetreuung: cs.at/angebote/cs-alzheimer-und-demenzbetreuung SeneCura, Demenz: senecura.at/angebot/demenz